Ich bin Ich
Kunst – Workshop für Schulanfänger und Grundschulkinder zu den Themen Fremde – Fremdsein / Orientierung / Identität
Inhalt
Ansatz – Integration in eine globale Gesellschaft / Erfahrungswerte / Kreativität und Phantasie / Inhalte der Workshops
Kontakt
Nadja Milenkovic
Reuterstraße 47
12047 Berlin
t: 030 530 88 143
n_milenkovic@infurafo.org
Ansatz
Integration in eine globale Gesellschaft
In Neukölln leben Menschen aus 160 verschiedenen Nationen zusammen. Die Schulen im Norden Neuköllns liegt der Anteil der Kinder nicht deutscher Herkunft bei 80 – 90 %. In der Präambel des Campus Rütli kann man lesen, dass mangelnde Deutschkenntnisse, Entwicklungsdefizite und überforderte, sozial schwache Elternhäuser die Bildungschancen der Kinder und damit auch den Zugang zu einer Ausbildung und einem späteren Erwerbsleben stark beeinträchtigen. Diese defizitäre Situation hindere an der Integration in die Gesellschaft. Integration in diesem Zusammenhang führt sich selbst ins Absurde. Das Wort Integration lässt sich aus dem Lateinischen herleiten und bedeutet Wiederherstellung, Erneuerung. Im allgemeinen Sprachgebrauch meint Integration die Eingliederung in ein Ganzes, oder auch Anpassung und Angleichung. In der Sozialarbeit / Sozialpädagogik geht es schwerpunktmäßig um die soziale Integration von gesellschaftlichen Minderheiten und Randgruppen in das Normengefüge und den Lebensstiel einer Gesellschaft. Wenn sich jedoch Gesellschaft nicht als heterogenes Ganzes darstellt, sondern mehr als eine Ansammlung von Lebensweisen und Traditionen unterschiedlicher Gesellschaften und Schichten, stellt sich zunächst die Frage: Integration worein? Die momentane Situation der Gesellschaft befindet sich im Wandel und ist schwer zu greifen, was ein Einordnen problematisch macht. Vor allem da der Wandel selbst durch die Dynamik sich schnell verändernder globaler Strukturen bedingt ist. Integration setzt ein Wohin / Worein voraus. Die Gesellschaft in Deutschland, und nicht nur hier, sondern die globale Gesellschaft, hat kein national abgrenzbares Kulturgut mehr. In Stadtvierteln, in denen der Migrantenanteil bei weitem überwiegt, zeigt sich dies in eklatanter Weise. Letztlich sind alle in der Dynamik der gesellschaftlichen Veränderung heimatlos. Der Integrationsprozess wird meistens als Prozess der Einordnung verstanden, notwenig aber ist eine Neustrukturierung, eine Konstitution, das gemeinsame Schaffen von Gesellschaft im gegenseitigen Dialog. Gesellschaft kann dabei über den Raum definiert werden. Der Raum im Sinne eines psychischen (metal mapping ), physischen und diskursiven kulturellen Raums ist das Koordinatensystem für Positionierung, für Aktion, für unser Leben. Die Verortung in einem Gefüge, in einem überschaubaren Raum, ist Basis für Orientierung und zielgerichtete Bewegung. „Der Raum zählt zu den Grunddimensionen menschlichen Lebens, mit denen sich jede Kultur auseinanderzusetzen hat. Dies bedeutet: zu jedem kulturellen Selbstversicherungsprozeß gehört die sinnstiftende Organisation der räumlichen Umwelt. (…) Menschen und Kulturen interpretieren und bewerten ihre räumliche Umwelt, sie entwerfen eine Raumordnung, d. h. Ein Netzwerk räumlich – kultureller Identitäten.“[1] Der unüberschaubare Raum ist Quelle für Ängste und Aggression. Wird die Außenwelt als Chaos wahrgenommen fehlt jede Möglichkeit für eine Positionierung. Kleine Kinder erkennen und empfinden Fremdes und Unüberschaubares als Monster, die Ihnen Angst machen und sie versuchen bei ihren Eltern Schutz und Halt zu finden. Schwierig wird es, wenn dieser Schutzraum im krassen Widerspruch zu den Bedingungen und Anforderungen der Außenwelt, dem gesellschaftlichen Raum, in dem das Kind aufwächst, steht. Das Kind wird dadurch ständig hin und her gerissen. Fremdenhass, ethnische Abgrenzung und diffuse Aggression sind Gesichter dieser Verwirrung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Individuen versuchen, unter anderem über ethnische Zugehörigkeiten für sich Zentren zu bilden, sich in Abgrenzung zu anderen zu definieren, um eine Verortung, einen greifbaren Bezug, herzustellen, von dem aus agiert werden kann. Auch Orte, wie der Wohnblock, der Park, die Kita, die Schule und der Jugendclub können entgegen aller Absicht und Bemühungen der Betreiber, als Ausgangspunkt für derlei Abgrenzungsprozesse dienen. Nun ist Abgrenzung ein immanenter Teil kultureller Identitätsbildung, ob national, regional, ethnisch oder auf einzelne Gesellschaftsschichten bezogen. Problematisch wird es für eine demokratische, transkulturelle Gesellschaft erst dann, wenn das Bedürfnis zu radikaler und aggressiver Abgrenzung zu Anderen aufkommt, die kultureller Interaktion und einem friedlichen Nebeneinander entgegensteht. Identitätsbildung funktioniert über Abgrenzung. Konstruktive Gruppenbildung ist eine Abgrenzung aber keine Ausgrenzung. Das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt zum Beispiel verbindet über ethnische oder sonstige Unterschiede hinweg. Gemeinschafts- bzw. Gruppenarbeit ist eine Chance, sich Selbst, die Anderen, und den Bezug und Rückbezug von Selbst auf Andere zu erfahren. Identitätsbildende Prozesse dürfen niemals als abgeschlossen betrachtet werden. In meiner Arbeit geht es daher um die Konstitutionierung sowohl Einzelner, wie auch der Gruppe, im Rahmen einer identitätsstiftenden Verortung. Durch die künstlerische Arbeit soll anhand der Wechselwirkung zwischen Rezeption und Kreation ein Miteinander gestaltet werden.
Erfahrungswerte
Viele Kinder sprechen noch in der 3. Klasse nur schlecht Deutsch und können dem Unterricht und den Anforderungen kaum folgen. Wobei auch diejenigen, die gut Deutsch sprechen nicht automatisch in die Klassengemeinschaft integriert werden, falls sich eine Klassengemeinschaft überhaupt einstellt. Förderprogramme, wie Deutschkurse reichen oft nicht, um den bestehenden Problemen entgegen zu wirken. Vielen Kindern sind die gestellten Anforderungen so fremd, oder von familiären Problemen überlagert, dass sie bereits zu Schulbeginn frustrierende Erlebnisse produzieren. Daraus resultierende Konzentrationsschwierigkeiten, Desinteresse, Aufsässigkeit und Aggression verhärten im Laufe der Schullaufbahn die Konflikte mit der Schule.
Kinder kann man nur begrenzt mit Wissen und Anforderungen konfrontieren. Sie brauchen Raum zum spielen, um sich zu entfalten und sich selbst und ihre Fähigkeiten kennen zu lernen. Viele Kinder haben diesen Raum von Haus aus nicht. Sie leben zum Teil in sehr beengten Wohnungen und teilen sich mit mehreren Geschwistern einen Raum. Auf ihnen lasten bereits hohe Anforderungen: Sie lernen in der Schule eine Sprache, die den eigenen Eltern fremd ist. Genauso fremd ist ihnen oftmals das Wissen, die kulturellen Regeln und Verhaltenskodices. Die Kinder werden damit ihren Eltern und ihrer Kultur ein Stück weit fremd.
Untereinander sind sich die Kinder unterschiedlicher Herkunft auch fremd, und anstatt sich aus der eigenen Fremde heraus mit anderen Kindern zusammen zu tun, geben sie das weiter, was sie erfahren: Fremdes abwehrend und ablehnend zu behandeln.
Die Kinder brauchen Angebote, die Interesse wecken und eine Brücke schlagen können, zwischen den Kulturen, ihrem familiären Hintergrund und den Anforderungen der Schule. Sie brauchen Hilfe in der Identitätsbildung, um sich in den unterschiedlichen komplexen sozialen Systemen bewegen zu können.
Kreativität und Phantasie
Kunst, bzw. kreatives Arbeiten (denn ums „Kunst machen“ geht es hier nicht) ist ein Instrument, ähnlich wie ein Musikinstrument, dass helfen kann, die eigene Persönlichkeit sowie das Selbstbewusstsein zu unterstützen und aufzubauen. Kulturelle Identität kann thematisiert werden und damit das Verständnis für sich selbst wie auch für andere gestärkt werden.
Durch das gemeinsame Arbeiten an Themen, die sich mit der Fremde beschäftigen lernen Kinder ihre Gefühle und Ängste kennen und können sie verorten.
Die Kunst, bzw. das kreative Gestalten hat die Möglichkeit Probleme und Ängste, für die es keine Worte gibt, bildlich auszudrücken.
Gerade für Kinder, die unter Sprech- und Verständigungsproblemen leiden, ist es eine Möglichkeit nonverbal aber aktiv teilzunehmen.
Bei der künstlerischen Arbeit stehen folgende Schwerpunkte im Vordergrund:
Unsicherheiten und Ängste kanalisieren und benennen, ihnen ein Gesicht geben und damit eine Möglichkeit der Handhabung finden – Monster bannen.
Aggressionspotential erkennen, thematisieren, umleiten. Aggressionen sind Energien, die nicht wissen wohin. Hier geht es um eine Hilfestellung Energien positiv zu nutzen, ihr Potential zu erkennen, dem Potential Raum und Anerkennung zu geben und einen Weg zu finden, es produktiv einzusetzen.
Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Thematisierung von kulturellen und gesellschaftlichen Reibungsbereichen – falsch/ anders / fremd.
Selbstwertschätzung ist die Basis für eine gesunde Entwicklung zu einem selbstbewussten, selbstständigen, handlungsfähigen Erwachsenen.
Die Konfliktkompetenz wird gestärkt und aufgebaut durch die Entwicklung des Ich. Ein entwickeltes Ich ist die Voraussetzung für die Fähigkeit, Andere zu erkennen, zu akzeptieren und zu tolerieren.
Konflikte können besser bewältig werden, wenn man sich seiner Position bewusst ist und diese in einem sozialen Gefüge konstruktiv einbringen kann.
In der gemeinsamen künstlerischen Arbeit ist das einzelne Kind immer wieder gefordert, seine Position in der Gruppe zu beziehen. Jeder trägt einen Teil zum Gesamtbild bei, dass am Ende ausgestellt und von vielen gesehen wird.
Die Arbeit mit Geschichten ist immer auch eine Auseinandersetzung mit Sprache. Durch das künstlerische Umsetzen der Wörter in Bilder wird Sprache verbildlicht und damit auch plastisch und greifbar. Die Weitererzählung der Geschichte, das Gespräch in der Gruppe über die künstlerischen Ergebnisse fördert den kommunikativen Austausch in der Gruppe sowie die Sprachkompetenz des Einzelnen.
Die Workshops richten sich an die Altersgruppe der 5 -9 Jährigen, an die Schulanfänger und Grundschulkinder.
Der Eintritt in die Schule ist für viele Kinder ein einschneidendes und verwirrendes Erlebnis. Die Kunst-Workshops können an dieser Stelle besonders unterstützend wirken.
Pro Workshop können 10 – bis höchstens 15 Kinder teilnehmen, um eine intensive und persönliche Betreuung noch gewährleisten zu können.
Am Ende des Wokshops steht eine Ausstellung, in der die Kinder ihre Arbeit präsentieren.
Die Arbeit in den Workshops wird mit Foto und Video dokumentiert und gegebenenfalls präsentiert. Jedes Kind bekommt eine Zusammenstellung auf DVD für zu Hause.
Inhalte der Workshops
1. „Die wilden Kerle“
„die wilden Kerle“ ist eine bekannte Kindergeschichte über die Traumreise eines kleinen Jungen, der für seine Aufsässigkeit bestraft und ohne Essen ins Bett geschickt wird.
Die beschriebene Traumreise nutze ich als Ausgangspunkt für eine Phantasiereise mit den Kindern. Ich spreche mit ihnen über ihre Träume, frage sie, ob sie auch von Monstern träumen, wie sie aussehen, was sie machen, usw.
Die Kinder werden von mir angeleitet, die Monster, Szenen aus der Geschichte, oder ihre eigenen Träume zu malen, zu basteln oder auch in Ton auszuarbeiten. Dabei sind sie frei, Materialien zu wählen oder zu kombinieren, Gefundenes mitzubringen und einzuarbeiten.
Die Geschichte ist eine Brücke zur eigenen Erlebniswelt.
In der weiteren Arbeit ermutige ich sie zu freien und eigenen Ansätzen, wobei eine Ausarbeitung direkt an der erzählten Geschichte nicht abgelehnt wird, sondern zur Auseinandersetzung damit angehalten wird.
Ich frage sie, was die Monster machen, ob sie freundlich oder böse sind, usw. Ich möchte damit ihre Phantasie anspornen, immer davon ausgehend, dass das was sie malen einen direkten Bezug zu ihrem Seelenleben hat.
Natürlich gibt es da auch die „Spiderman und Co. – Fraktion“, Monster oder Helden, die Kinder cool finden und aus dem Fernsehen kennen. Auch das kann als Anhaltspunkt dienen und zur eigenen Erlebniswelt führen:
Warum ist der Held oder das Monster cool? In welcher Welt bewegt er/sie/es sich?
Es geht darum Bezug herzustellen, zwischen Figur, Umwelt und den Kindern, um bei den Kindern ein Gefühl für sich selbst in ihrer Umwelt zu wecken und daraus resultierende Ängste zu kanalisieren. Die Ängste werden gestalterisch ausgearbeitet und können dann als Monstergestalt gebannt und besiegt werden.
Wie das umgesetzt wird entscheiden die Kinder, ich gebe Hilfestellung oder mache Vorschläge, wenn nötig.
Damit will ich den Kindern Mittel an die Hand geben, selbst aktiv mit ihren Ängsten umzugehen. Sie machen die Erfahrung, dass sie sich wehren können und nicht Opfer sein müssen. Diese Erfahrung gemacht zu haben, selbst wenn es im Spiel, beim Basteln oder Malen ist, ist dennoch eine Erfahrung und kann, weil schon mal da, auf das reale Leben, auf den Umgang mit sich selbst und mit Anderen übertragen werden.
2. „Ich bin Ich“
„Ich bin Ich“ ist eine Kindergeschichte über Fremde, Einsamkeit und Isolation mit einem positiven Ausgang in eine selbstbewusste Haltung gegenüber der eigenen Identität.
Das „Ich bin Ich“ ist ein kleines, selbstgebasteltes Tier, dass durch die Welt läuft und nach seinen Artgenossen, beziehungsweise einer Zugehörigkeit sucht. Aufgrund seines „Andersseins“ wird es von den anderen Tieren abgelehnt, fühlt sich einsam und stellt sich selbst, seiner Bezugslosigkeit wegen die philosophische Frage, ob es überhaupt ist.
Die Geschichte nimmt eine positive Wendung in dem Es seiner selbst gewahr wird und von nun an stolz auf die Frage: „Wer bist du?“ mit „Ich bin Ich“ antwortet.
Die Kinder basteln ihr eigenes „Ich bin Ich“, die Geschichte bietet den Bezugsrahmen. Die Welt des Tieres wird gemalt, gebastelt,… die unterschiedlichen Stationen, die es durchläuft untersucht und kreativ umgesetzt.
Ich halte die Kinder an, sich vorzustellen, wie es dem Tier gehen mag. Wir reden darüber, was sie denken, wie sie sich fühlen würden, wenn sie das Tier wären und warum die anderen so reagieren. Die Kinder sollen sich ausdenken, was dem „Ich bin Ich“ noch passieren könnte, eigene Szenen entwerfen und umsetzen.
Das „Ich bin Ich“ hat verschiedene Ängste, besiegt diese aber zum Schluss und tritt dann den Anderen selbstbewusst gegenüber. Interessant daran ist, dass die Anderen ihre Reaktion ihre Reaktion auf das „Ich bin Ich“ damit auch ändern und sagen: „Natürlich, du bist du“.
Hier ist ein guter Einstieg für Reflektionen über Verhaltensweise und Reaktionen Anderer auf einen Selbst. Damit wird nicht nur ein Bezug zur eigenen Identität, sondern auch zu der von Anderen behandelt, Fremde und Anders sein thematisiert.
Wir sind alle ein bisschen fremd, aber das ist nicht so schlimm, wenn wir uns selbst nicht fremd sind.
[1] Andreas Ramin: Symbolische Raumorientierung und kulturelle Identität: Leitlinien der Entwicklung in erzählenden Taxten vom Mittelalter bis zur Neuzeit, München 1994, S. 1–2.
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