KURZE BEGRIFFSERLÄUTERUNG: RAUM

Vielgestaltig und komplex wie der Kulturbegriff erweist sich der Versuch einer Definition dessen, was wir heutzutage unter Raum verstehen. Innerhalb der Raumdiskussionen lässt sich ebenfalls ein spatial turn, ein Umdenken, situieren, das Edward Soja in den späten 90ern als prägend für Geo- und Sozialwissenschaften begreift und das er durch kritische Schriften (in Anlehnung an foucault’sche Raumtheorien) mit initiiert hatte.[1] Um postmoderne Raumdiskussionen verstehen zu können, ist ein kurzer Abriss der Entwicklung des abendländischen Raumverständnisses notwendig. Wie Lotman treffend konstatiert, werden Merkmale bestimmter Objekte oft in Bezug zu ihrer Position im Raum festgestellt.[2] Durch diese Betrachtung ergibt sich eine objektbezogene Abstraktion räumlicher Merkmale, deren Ausformung durch die Perspektive des Betrachters geprägt ist. Dementsprechend kann antikes Raumempfinden einer modernen Perspektive nicht gerecht werden. Die griechisch-römische Antike verfügte nicht über ein eigenes Wort, um Raumphänomene zu beschreiben. Begriffe wie chora/regiooder topos/locus blieben im zweidimensionalen Bereich.[3] Der antike Mensch nimmt seine Umgebung erdbezogen wahr, das heimische Territorium grenzt sich durch natürliche Schwellen wie Gebirge und Flüsse vom Umland ab. Die Tendenz zur Schematisierung räumlicher Erdbetrachtung bezeichnet Olshausen als „Symptome für das Bedürfnis, im Chaos der Realität Ordnung zu schaffen“ (vgl. Olshausen: 595). Raum und Zeit finden auch in der ereignisbezogenen Erzählweise antiker Literatur keine direkte Beachtung. M. Bachtin stellt beispielsweise für den antiken „Abenteuer-Prüfungsroman“ fest, dass die dort eingesetzte raum-zeitliche Korrelation, der Chronotopos, rein technischer Art ist. Die Entfaltung des Abenteuers benötigt viel Raum, Distanzen spielen allerdings für die zeitliche Abfolge keine Rolle. Raum und Zeit sind hier reine Bedingung für den Ablauf des Abenteuers, ihre natürlichen Gesetzmäßigkeiten sind außer Kraft gestellt und die ProtagonistInnen altern nicht während ihrer weiten Reisen um die Welt.[4] Vergleichbare Schlüsse zieht Peter Dinzelbacher aus einer Analyse des Rolandlieds des Pfaffen Konrad (12. Jh.). Die Überwindung von Distanzen ist belanglos, Raum und Zeit sind dem epischen Geschehen und seiner Bedeutung untergeordnet.[5] Die Wahrnehmung und damit die Darstellung von Räumen ist für den mittelalterlichen Menschen mit starken emotionalen Konnotationen verbunden. Der unbekannte Raum ist unheimlich, weil fremd. Heute von uns als homogen betrachteter Raum unterliegt also dem damaligen Empfinden nach einer wesentlich stärkeren Abstufung. Erst in spätmittelalterlichen Texten erscheint, nach Dinzelbacher, der Raum als „zusammenhängenderes und ausgedehntes Medium“ (vgl. Dinzelbacher: 606). Der Mensch steht mehr und mehr im Zentrum des Interesses und nimmt in Bezug zu anderen Objekten eine bestimmte Stellung im Raum ein, steht in Relation zu ihnen. Diese Vorstellung entspricht bereits im weitesten Sinn einem neuzeitlichen dreidimensionalen Raumkonzept. Wesentliches Merkmal des neuzeitlichen Raumempfindens ist allerdings die Ablösung des absoluten vom erlebten/erfahrbaren Raum. Der absolute Raum als subjektiv erlebbarer erfordert Abstraktion im menschlichen Denken, doch wird auch der konkrete Lebensraum zu Beginn der Neuzeit in seiner Ausdehnung abstrakter und damit unfassbarer: Die Annahme der Erde in Kugelgestalt führt zur Umrundung der Welt durch Kolumbus und die Entdeckung Amerikas wird an vielen Stellen als (historischer) Beginn dieser Epoche genannt. Die Menschen „sehen nicht nur in den Raum, sondern brechen auch in ihn auf.“[6] Diese Neugierde an fernen Räumen, die sich zu diesem Zeitpunkt langsam zu entfalten begann[7], bleibt bis heute ungezügelt und äußert sich in der touristischen Erschließung bestimmter Regionen und der weit verbreiteten Freude am Reisen. Grundlegend dafür war, in Rückbezug auf antike Machtvorstellungen, der neuzeitliche Drang Raum zu erobern, neue Gebiete zu erschließen und nutzbar zu machen. Neue Transportwege und -mittel beschleunigen bis heute den Austausch von Gütern und Informationen und veränderten die menschliche Raumwahrnehmung enorm hin zu einem geschlossenen Überblick über den geographischen Erdraum. Der urbane Raum erfuhr im Zuge der Industrialisierungen vor allem des späten 18. Jahrhunderts räumliche Ausdehnung. Die Stadt als Zentrum politischer, ökonomischer und kultureller Neuerungen führt zur veränderten Auseinandersetzung mit dem ländlichen Umland. Die bewusst wahrnehmende Zuwendung der StädterIn zur Natur und ihr lustvoller Blick auf die Landschaft sind ein, dem damaligen Bürgertum und Adel vorbehaltener, Luxus und „Grundlage der neuen ästhetischen Wahrnehmung von Raum“ (vgl. Strohmeier: 619). Verbindet man allerdings die Raumdefinitionen, die in Physik, Mathematik, Philosophie, Literatur und weiteren Disziplinen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, erweist sich der Raumbegriff insofern als einheitlich, als „die Gewißheiten einer metaphysischen Ordnung, einer erfahrbaren Realität und eines sie erfahrenden Individuums“ als Grundlage aller Disziplinen geltend gemacht werden können.[8] Ausgelöst durch die Relativitätstheorie von Albert Einstein beginnen Anfang des 20. Jahrhunderts abstraktere Raum-Zeit-Konzepte die Wissenschaften zu dominieren. Einstein negiert ein absolutes Raum-Zeit-System, die absolute Raumzeit hängt nach ihm vom Standpunkt des jeweiligen Betrachters ab. Er unterstellt damit die Vierdimensionalität des Raumes.[9] Auch in der Mathematik macht die Homogenität eines dreidimensionalen Raumes der Heterogenität eines n-dimensionalen Raumes Platz, in dem jedes „n-Tupel mit einem Punkt P des R[aumes] identifiziert [wird]“ (vgl. Brockhaus: 554). Diese auf den Beobachter fixierte Relativität des Raumes verbreitete sich zunehmend auch in den Geisteswissenschaften. Maurice Merleau-Ponty beispielsweise spricht von einem inneren räumlichen Erleben und begreift den eigenen Körper als den Ort, von dem er den Raum als „Nullpunkt der Räumlichkeit“[10] erfasst. Ebenso werden die relativen Räume der Traumwelten in das wissenschaftliche Denken aufgenommen und analog wird im modernen Schreiben „die Fiktion an das Erleben der Figuren gebunden“ (vgl. Meurer: 13). Die Sur-Realismen der Kunst und Literatur verbreiteten ihre Arten von „Über-Wirklichkeiten“ und wurden damit zu Vorreitern der heutigen Konstruktion von Wirklichkeiten, in der Menschen „in sich und um sich neue Räume“ entstehen lassen (vgl. Strohmeier: 625). Die Postmoderne trennt sich wiederum von der Innerlichkeit der Moderne und der damit verbundenen Zeitlichkeit und wendet sich den Räumlichkeiten und Oberflächen zu (vgl. Meurer: 17). Der Raum wird zum Mittel des Ausdrucks und ist in seiner Modellhaftigkeit nicht nur materielles Substrat, also Territorium oder Ort, sondern Sprache selbst. Mit Hilfe des soziologischen, literarischen, geographischen, politischen, globalen etc. Raumes wird also jeweils über etwas Anderes gesprochen – der Raum der Postmoderne ist Signifikant (vgl. Meurer: 18). Strohmeier fasst dies treffend zusammen:

„Der herrschenden Raumordnung einer globalen Standardisierung des Raumes und seiner Zonierung in unserer Wahrnehmung folgt eine Flexibilisierung von Raumwahrnehmungen.“ (vgl. Strohmeier: 625)

Dies bedeutet, dass nach der Zonierung von Räumen, wie es beispielhaft durch den Architekt und Stadtplaner Le Corbusier geschah, nun nach dem besonderen Ort gesucht wird. Um zu einem Bild der Welt zu gelangen, muss man in der Lage sein, bestimmte Räumlichkeiten darzustellen und in einen Zusammenhang zu bringen. Dies ist möglicherweise auch der Grund, warum Gilles Deleuze in einem Essay über Foucault diesen nicht als Soziologen oder Schriftsteller begreift, sondern eben als „Kartographen“[11]. Auch die Subjekthaftigkeit des Menschen muss in einen neuen Zusammenhang zu unseren, durch Technologien veränderte, Realitäten gebracht werden. In der visuellen Welt kann immer eindrucksvoller „die echte Welt“ nachgeahmt werden. Die Entwicklung spezieller Geräte wie z.B. des Head-Mounted Display, der Bilder direkt auf die Netzhaut projiziert, lässt virtuelle (Fantasie-)Welten, wie sie in noch heute als Science Fiction benannten Texten dargestellt werden, immer gegenwärtiger werden. Strohmeier konstatiert treffend, dass der heutige Mensch die Erde von außerhalb betrachte, als einen Gegenstand, dessen Teil er nicht mehr ist (vgl. Strohmeier: 629). Ein postmodernes Raumkonzept verbindet Existenzialphilosophie und Interaktionstheorien: Der Mensch ist strukturell durch ein einfaches „In-der-Welt-sein“ definiert, jedoch auch durch sein „Anders-Sein“ und das „Sein-durch-die-Anderen“. Ähnlich sieht Michel Foucault die heutige Welt als ein Netzgebilde, in dem sich Punkte treffen und auseinander laufen. Er proklamiert gewissermaßen unser Zeitalter als ein Zeitalter des Raumes: « Nous sommes à l’époque du simultané, nous sommes à l’époque de la juxtaposition, à l’époque du proche et du lointain, du côte à côte, du dispersé. »[12] Diese neue Sichtweise des Raums findet auch in der Literatur ihren Niederschlag. Der Text eines Autors kann zu einem Ort werden, der die Welt repräsentiert und an dem interkulturelle Kontakte geknüpft werden, gleich ob in der Phase der Produktion, der Rezeption, oder innerhalb eines Textes selbst. Das französische Wort für Raum, « espace », ist eigentlich besser für Raumanalysen geeignet, da es, vom lateinischenspatium (offene Lauf- oder Kampfbahn; bestimmter Zeitraum) abgeleitet, den gleitenden, verbindenden Charakter des Raumes hervortreten lässt, und somit einen Raum der Bewegung beschreiben will[13], während der deutsche Begriff etymologisch einen deutlich territorialen Bezug hat.

Eine vollständige Analyse bestehender Raumkonzepte könnte sicher eine Bibliothek füllen und es gibt wohl kaum eine wissenschaftliche Abhandlung, die vermag, alle Facetten des Begriffs herauszustellen. Der Begriff selbst, betrachtet als ein sich in Raum und Zeit selbstständig veränderndes System aus Symbolen, unterliegt kontinuierlichen Entwicklungen und Neubesetzungen.


[1] Soja, Edward W.: Postmetropolis. Critical Studies of Cities and Regions. Blackwell Publishers. Malden: 2000. S. 7.

 

[2] Lotman, Yuri M.: Die Struktur literarischer Texte. Wilhelm Fink Verlag. München: 1986. S. 312.

[3] Olshausen, Eckart: „Raum – Antike“ In: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. Ed. Peter Dinzelbacher. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart: 1993. S. 593.

[4] Bachtin, M.: „Zeit und Raum im Roman.“ In: Kunst und Literatur 11, 1974, S. 1162 ff.

[5] Dinzelbacher, Peter: „Raum – Mittelalter“ In: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. Ed. Peter Dinzelbacher. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart: 1993. S. 606.

[6] Strohmeier, Gerhard: „Raum – Neuzeit“ In: Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. Ed. Peter Dinzelbacher. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart: 1993. S. 618.

[7] Sogenannte Kosmoramen dienten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Bewerbung ferner Regionen. Beleuchtete Bilder wurden in abgedunkelten Schaubuden der Bevölkerung gezeigt, um möglichst breitflächig die Lust am Reisen zu wecken (vgl. Strohmeier: 622).

[8] Meurer, Ulrich: Topographien. Raumkonzepte in Literatur und Film der Postmoderne. Wilhelm Fink Verlag. München: 2007. S. 11.

[9] Brockhaus-Enzyklopädie (in 30 Bänden). Band 22 POT-RENS. Ed. F. A. Brockhaus AG. Mannheim: 2006. S. 556.

[10] Merleau-Ponty, Maurice: „Das Auge und der Geist.“ In: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Eds. Jörg Dünne & Stephan Günzel. Suhrkamp. Frankfurt am Main: 2006. S. 190.

[11] Deleuze, Gilles: „Ecrivain non: un nouveau cartographe.“ In: Critique 31 (343), Dez. 1975, S. 1207.

[12] Foucault, Michel: „Des espaces autres“ In: Dits et Écrits 1954-1988. Band IV: 1980-1988. Eds. Daniel Defert & François Ewald. Gallimard. Paris: 1994. S. 360.

[13] Dünne, Jörg & Stephan Dünzel: „Vorwort“ In: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Eds. Jörg Dünne & Stephan Günzel. Suhrkamp. Frankfurt am Main: 2006. S. 10 ff.

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