Debatten der letzten vierzig Jahre[1] haben gezeigt, dass es sich als schwierig herausstellt, den Begriff Kultur präzise und allgemein gültig zu definieren. TheoretikerInnen des Poststrukturalismus kritisierten häufig die eurozentristische Sichtweise westlicher ForscherInnen, die Beschreibung und Interpretation anderer Völker oder einfach des Fremden’ auf die ihnen eigene, westliche Art. Sie postulierten daher die Abwendung von einem einseitigen Kulturbegriff hin zur Auffassung eines wechselseitigen Austausches der Kulturen. Die Bemühungen der Poststrukturalisten und neue Wissenschaftszweige, wie die Cultural Studies, förderten ein Verständnis „on culture as contested meanings created, negotiated, and performed in locally polyvocal contexts“[2]. Der neue Kulturbegriff umfasst dementsprechend auch die sogenannte „Straßen- und Alltagskultur“. Die Begründerin des Faches Kulturanthopologie[3] in Frankfurt am Main, Ina-Maria Greverus, sieht Kulturfähigkeit als „natürliches, aber eben nur menschliches Potential, sich in Umwelt einzurichten und in ihr zu existieren“.[4] Kultur als „menschliche Schöpfung“ ist erlernbar. Sie prägt den Menschen und wird gleichzeitig durch ihn erzeugt (vgl. Greverus: S. 73). Im Kontext einer sich ausbreitenden Kulturindustrie und der Globalisierung der Kulturgüter bemerkt Greverus die Gefahr einer Rückentwicklung von Kultur als „Potential und kreativen Prozess menschlicher Selbstkultivation“ hin zu einer „Abhängigkeit des einzelnen von übergeordneten Institutionen“ (vgl. Greverus: 74). Dennoch bleibt Kultur immer auch ein Stück weit Lebensgefühl. Der Anthropologe Hutnyk spricht berechtigterweise von der „impossibility of capturing an always-morphed term“.[5]
Semiotischen Theorien zufolge besteht Kultur aus einer Gesamtheit von Bedeutungssystemen, durch welche die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beschrieben werden kann. Hochkultur und Alltagskultur, als Methoden kollektiven Erinnerns und des Bewahrens eigener Identität, sind Bausteine dieser Bedeutungssysteme. An Theorien von Yuri M. Lotman und Michael Bachtin angelehnt, sind Texte Basiseinheiten von Systemen, da sie deren Bedeutungen transportieren. Auch diese Sichtweise hat ihre Grenzen, da Besonderheiten und/oder politische Kontexte in der Interpretation außen vor gelassen werden könnten (vgl. Hutnyk: 354). Kultur ist als dynamischer, komplexer Begriff zu sehen, der tatsächlich nicht allzu statisch definiert werden sollte.
„Culture is both playground and commodity; it is the refined and profound, mundane and extreme. Culture is simultaneously crossed by identity, tradition and change; resource, bulwark and contest. [...] It is what makes us human, in a vast variety of, sometimes still changing, ways. [...] We live in it, there is no other choice.“ (Hutnyk: 357)
Abschließend bleibt zu erwähnen, dass Kultur nicht mit Identität gleichgesetzt werden kann, sondern lediglich in einem Bedeutungszusammenhang mit dem Gefühl von Zugehörigkeit steht.
[1] Vgl. Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt. Reinbek: 2006.
[2] Fischer, Michael M. J.: „Culture and Cultural Analysis“ In: Theory Culture & Society 23 (1), 2006, S. 360.
[3] Die Tabuisierung und Distanzierung von der Volkskunde nach ihrem Missbrauch unter dem Naziregime, trugen zu einer wissenschaftlichen Neuorientierung bei, aus der sich das Fach der Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie entwickelte.
[4] Greverus, Ina-Maria: Kultur- und Alltagswelt. Einführung in Fragen der Kulturanthropologie. Inst. für Kulturanthropologie u. Europ. Ethnologie. Frankfurt am Main: 1987. S. 58.
[5] Hutnyk, John: „Culture“ In: Theory Culture & Society 23 (2-3), 2006, S. 351.
