DIE STADT – RAUM DER VERÄNDERUNGEN

Seit jeher neigt der Mensch dazu, sich Gruppen anzuschließen und in einen sozialen Kontext einzufügen. Von den ersten menschlichen Siedlungen ausgehend, entstanden Städte, deren Mauern dem Einzelnen Schutz und Zuflucht boten und in deren Innerem die Gemeinschaft für die Ernährung und soziale Eingliederung der Individuen sorgte. Die Bedeutung der Stadt wuchs parallel zur Bevölkerungsentwicklung. Die Dokumente der Antike legen bereits Zeugnis der besonderen Stellung der Stadt ab, die zum Zentrum des ökonomischen und politischen Diskurses avancierte. Die „Polis“, der griechische Stadtstaat, wird vorbildhaft Austragungsort der sozialphilosophischen Überlegungen Platons, dem eine geordnete Gliederung des städtischen Umfeldes und seiner Bevölkerung vorschwebt.[1] In Politeia, seinem aus zehn Büchern bestehenden Werk, erörtert Platon den Begriff der Gerechtigkeit und entwickelt ein System zur Verteilung der Macht im Stadtstaat, das in seiner Rigorosität des Ausschlusses von Außenstehenden und der Vereinheitlichung der Einwohner einen totalitären Charakter aufweist. Dennoch geht aus Platons Erläuterungen und den Ausführungen seines Schülers und Gegners Aristoteles[2] eine wichtige Grundlage des modernen Abendlandes hervor: der Verbund in der Polis und die selbstbestimmte Handlungs- und Redefreiheit ist entscheidend für die Entwicklung eines europäischen Bürgerbegriffs vom Mittelalter bis in die Neuzeit und die Organisation des (städtischen) öffentlichen Lebens durch den Bürger. Auch in der politisch-utopischen Dichtung finden sich Platonische Gedanken wieder, wie in Thomas Morus Utopia(1516) oder Tommaso Campanellas Civitas solis (1620)[3], wobei Morus die Platonischen Gedanken benutzt, um auf satirische Art seinen englischen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten. Literarische Werke wie diese prägten Bezeichnungen wie „Utopia“ oder „Dystopia“, deren ursprüngliche Bedeutung aus dem Griechischen „ou topos“ (dt. „Nicht-Ort“) kommt. Beide Begriffe beschreiben also nicht-real-existierende Orte, oder gar Welten, wobei „Utopia“ den Ort des perfekten Zusammenlebens/der perfekten Gesellschaft meint und „Dystopia“ gerade das Gegenteil impliziert.[4] Literarische Stadt-Darstellungen sind oft utopischen, bzw. dystopischen Charakters, wobei „die Stadt“ als in sich abgeschlossenes Gebilde betrachtet werden kann. Dies wird im Folgenden näher ausgeführt.

Die Urbis Romanis wurde Vorbild für die europäische Stadt des 18. und des 19. Jahrhunderts. Urban meint nicht nur das Leben in städtischem Umfeld, sondern steht bezeichnend für „weltgewandt, weltmännisch“[5]. In der Tat sind es immer Städte wie Athen, Rom, London, Berlin oder Paris, „in denen Kultur erzeugt, ausgetauscht und wahrgenommen wird“[6]. Stellvertretend symbolisieren die Städte ihre Nation und beanspruchen, vom alten Imperium Rom bis zur heutigen Metropolis wie New York, die politische und kulturelle Führungsrolle für sich. Schließlich sind in den Städten die wichtigsten Institutionen angesiedelt, hier treffen sich PolitikerInnen, KünstlerInnen und ÖkonomInnen zum gegenseitigen Austausch der Diskurse und Güter. Auch die wichtigsten politischen Bewegungen gehen meist von der Stadt aus, als einem Ort, an dem Lebensumstände auf engstem Raum geteilt werden. So war die französische Revolution weniger die Revolution des Volkes von Frankreich, als die Auflehnung der Bürger von Paris gegen die herrschenden Machtverhältnisse und, im Gegenzug, wird das Volk wenig später durch die Nationbildung zu „Paris“: Die Stadt entwickelte sich zum Zentrum des Landes und gab nicht nur die korrekte Sprache, sondern auch den richtigen Ton, die Mode, Literatur und Musik an.

Doch während das alte und, zumindest mythisch, ewige Rom noch friedlich innerhalb seiner Stadtmauern bleibt, rücken die Veränderungen des 20. Jahrhunderts Urbanität in ein anderes Licht. Die voranschreitende Industrialisierung, Landflucht und weltweite Urbanisierung trieben das Wachstum der Stadt voran und führten zur explosionsartigen Ausdehnung des städtischen Raumes. Von einer organisierten und überschaubaren Stadtgemeinschaft im Sinne Platons kann heute nicht mehr die Rede sein und trotz des historischen Stadtkerns wurde auch Paris zur „Mammutstadt“[7]. Diese veränderten Bedingungen fließen in Texte ein, in denen Stadt reproduziert wird und so erscheint es dem heutigen Leser nicht ungewöhnlich, dass Honoré de Balzac nicht wenige seiner Romane des Zyklus La Comédie humaine in Paris spielen lässt. Schließlich war es sein Ziel, ein möglichst genaues Sittengemälde seiner Gesellschaft wiederzugeben und wo könnte gesellschaftlicher Missstand literarisch besser dargestellt werden als im städtischen Umfeld, in dem die verschiedensten Bevölkerungsgruppen aufeinander stoßen? Nicht nur für die französischen AutorInnen ist Paris ein literarischer Topos. Diese Stadt war und ist für die KünstlerInnen und AutorInnen vieler Nationen Inspiration und Lebensort zugleich. Rainer Maria Rilke beispielsweise hielt sich von 1904 bis 1910 in Paris auf und schrieb dort Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, die gleichsam seine eigenen Erfahrungen mit der hektischen, aufstrebenden Großstadt des 20. Jahrhunderts wiedergeben.[8] Die existenziellen Ängste, die Einsamkeit und das Gefühl der Fremdheit, die den jungen Malte lähmen, scheinen im Laufe des 20. Jahrhunderts zu zentralen Motiven der Großstadtliteratur geworden zu sein. Paris ist gleichzeitig Ort der Faszination und des Schreckens. Ständiger Garant für das Plötzliche, wird Paris für LiteratInnen zu einer radikalen ästhetischen Herausforderung:

„Denn seit sie es gibt, war die ‘große Stadt’ immer auch ein hochbesetzter imaginärer Raum, nicht nur kultureller Speicher von Bildern, Texten und Zeichen, sondern auch Gegenstand mythischer Überhöhungen.“[9]

Bogdan Bogdanović macht eben diese Überhöhungen in seinem Aufsatz Die verlorene Stadt deutlich, indem er daran erinnert, dass die Erinnerung an die europäische Stadt immer einen Hauch Romantik enthält. „Vor unserem inneren Auge erstehen ihre schönsten und reichsten Bestandteile … das, was seinen Namen schon vor langer Zeit bekommen hat: les beaux quartiers.“ (Bogdanović: 148). Ohne es zu wollen, schließt Bogdanović eine materialistische Sichtweise von Kultur und Stadt in seine Aussage ein, denn diese beaux quartiers sind heute kulturelle Ressourcen der Stadt, museale Erbstücke einer vergangenen Zeit. Die Champs-Élysées dienen beispielsweise heute mehr als Einkaufsmeile denn als Lebensraum. Von über hunderttausend Menschen, die das Viertel 1891 bevölkerten, verblieben 39.000, denn für die, die es sich leisten könnten, dort zu wohnen ist es zu laut, für die Übrigen zu teuer. „Die Champs-Élysées, damit betraut, Paris zu symbolisieren, haben keinen Wohnraum mehr für die Pariser.“[10]. Ähnlich verhält es sich mit Saint-Germain. In diesem Viertel, in dem die epochale Wende der 60er Jahre eingeläutet wurde, entstanden grundlegende Texte wie Beauvoirs Le deuxième sexe oder Sartres L’être et le néant. Intellektuelle, KünstlerInnen und SchauspielerInnen trafen sich an öffentlichen Orten, den Cafés und Kneipen des Viertels und prägten die Literatur, Kunst und das urbane Leben mit. Dieses Klima eines gelebten Kosmopolitismus ist heute nicht mehr derart allgegenwärtig. Es bleiben Luxusgeschäfte, hohe Mietpreise[11] und ein Hauch revolutionärer Vergangenheit (vgl. Götze: 251).

Stadt- und Bevölkerungsentwicklung sind zwei Konstanten, die untrennbar miteinander verknüpft sind. Die Bürger der Stadt prägen ihre direkte Umgebung durch den ihnen eigenen Lebensstil. Nicht umsonst finden sich in den Großstädten Europas explizite Bezeichnungen für kulturell und national geprägte Stadtviertel, wie z.B. für Soho  die „China-Town“ Londons. Die Demographie der Viertel stellt diese in ein besonderes Licht und konnotiert sie ebenso sehr in den Augen der Bewohner als auch im Verständnis der „Außenstehenden“. Jede der Gruppen definiert den urbanen Raum entsprechend ihrer kognitiven Raumauffassung und kulturellen Prägung anders.[12]

Gemeinsam geteilter Lebensraum kann zum Merkmal städtischer Minderheiten werden. Paris nimmt diesbezüglich eine besondere Stellung ein. Einst das Zentrum kolonialer Machtausübung, wird die Hauptstadt heute oft ironisch als „größte Stadt des Maghreb“ bezeichnet, denn nirgendwo sonst leben so viele Algerier, Tunesier und Marokkaner in städtischem Umfeld nebeneinander, die eine eigene Identität innerhalb des „melting pot“ der Großstadt bewahren oder begründen.

Die Stadt, als erster Anlaufpunkt vieler MigrantInnen, ist ein Ort, von dem viele künstlerische Bewegungen ausgehen. Durch das stetige Wachstum, das sie in den letzten Jahrzehnten erfahren haben, und durch das geschichtliche Erbe als ehemalige Kolonialmacht, wurden Städte wie Lyon, Paris, Lille oder Marseille zu Zentren der interkulturellen Kontakte. Als Knotenpunkt werden sie automatisch zu Geburtsstätten neuer, transkultureller Identitäten: die Zugezogenen machen sich den städtischen Raum zu eigen, der nun in ihre tradierten Bedeutungssysteme eingeschrieben wird. Urbane Räume entwickelten sich durch diese Veränderungen zum „Schauplatz, an dem autochthone und fremde Kulturen, verschiedene Lebensweisen und Anschauungen sich berühren, wo sich Interferenzen bilden und neue Kulturen ihren Ausgangspunkt haben.“ (Gorr: 12).

In der frankophonen Literatur seit den 60er/70er Jahren lassen sich diese Entwicklungen spüren, allerdings kommt der Leser nicht umhin, auch mit dem Gegenteil konfrontiert zu werden. Rachid Boudjedra, Autor algerischer Herkunft, zeichnet mit den Irrreisen des Protagonistendurch die Pariser Métro im Roman Topographie idéale pour une aggression caractérisée (1975) das Bild eines grauenvollen Stadtlabyrinths, das voller unlesbarer Zeichen und Mauern den algerischen Einwanderer direkt in den Tod fahren lässt. Durch den Blick des Fremden, des Zugereisten, werden Zustände sichtbar, die dem Einheimischen verborgen bleiben. Die Großstadt als „Knotenpunkt der Kulturen“ wird damit zum Ort unlösbar wirkender Konflikte  zur Dystopie:

„Denn heute sind die großen Städte mehr denn je, was Karl Kraus dem Wien des fin de siècle zuschrieb: „Versuchsstation für Weltuntergang“, Ballungszentren der ungelösten und unlösbaren Probleme der Gesellschaft, hochkomplexe Versuchsanordnungen für Fragen, die dieses fin de siècle an sich selber stellt oder stellen sollte.“ (Keller: 10)


[1] Vgl. Platon: Der Staat. Ed. Karl Vretska. Philipp Reclam. Stuttgart: 1982.

 

[2] Vgl. Aristoteles: Politik. Ed. Ursula Wolf. Rowohlt. Reinbek: 2003.

[3] Vretska, Karl: „Einleitung“ In: Platon: Der Staat. Ed. Karl Vretska. Philipp Reclam. Stuttgart: 1982. S. 77.

[4] Als eines der bekanntesten Beispiele wäre wohl Aldous Huxleys Dystopie Schöne neue Welt zu nennen.

[5] Das Fremdwörterbuch. Ed. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. Mannheim: 2001. S. 1023.

[6] Zukin, Sharon: „Städte und die Ökonomie der Symbole.“ In: Kultur in der Stadt. Stadtsoziologische Analysen zur Kultur. Eds. Göschel & Albrecht/Kirchberg. Leske und Budrich. Opladen: 1998. S. 27.

[7] Bogdanović, Bogdan: „Die verlorene Stadt“ In: Perspektiven metropolitaner Kultur. Ed. Ursula Keller. Suhrkamp. Frankfurt am Main: 2000. S. 144.

[8] Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main: 2000.

[9] Keller, Ursula: „Einleitung“ In: Perspektiven metropolitaner Kultur. Ed. Ursula Keller. Suhrkamp. Frankfurt am Main: 2000. S. 8.

[10] Götze, Karl Heinz: Immer Paris. Geschichte und Gegenwart. Pantheon. München: 2002. S. 38.

[11] Das Viertel hat zwischen 1954 und 1990 die Hälfte seiner weniger wohlhabenden Bewohner verloren. Der Anteil des wohlhabenden Bürgertums und leitender Angestellter hat sich dementsprechend erhöht.

[12] Gorr, Heinz: Paris als interkultureller Raum. Die Metropole im postkolonialen Kontext des maghrebinischen Romans. Wissenschaftlicher Verlag. Berlin: 2000. S. 16.

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>